Unglücklich machende Familienideale

5. August 2025

An dieser Stelle möchte ich in lockerer Folge Themen aufgreifen, die in meiner Arbeit in der Paar- und Familientherapie immer wieder vorkommen. Themen, die oft mit einem „Ach, dass ist doch normal in einer Partnerschaft/in einer Familie. Man kann nicht immer glücklich sein.“, klein geredet werden.

Und wenn es tatsächlich so wäre und man könnte nicht immer glücklich sein, wäre es nicht schön es zu versuchen?
Wenn Sie an Ihrem Glück, Ihrer Zufriedenheit und Freude in Ihrer Partnerschaft und Familie arbeiten möchten, schreiben Sie mir.

Unglücklich machende Familienideale

Vor mittlerweile über 20 Jahren wurde von dem Systemischen Familientherapeut Prof. Dr. Jochen Schweitzer, ein Artikel veröffentlicht, über unglücklich machenden Familienideale. Ich finde die Idee gut, sich über dieses scheinbar paradoxe Thema Gedanken zu machen.  Gemeinsam mit den Familien dem auf die Spur zu kommen, was unglücklich macht. Sind die eigenen Ideale wirklich stützend, hilfreich und zeitgemäß, oder machen sie eher unglücklich?

In dem Artikel „Unglücklich machende Familienideale“ (in, Psychotherapeut, 2004) beschäftigt sich Schweitzer mit den Vorstellungen von Familie in unserer Gesellschaft und setzt sie dann in Beziehung zu den Realitäten, auf die diese Vorstellungen oder Ideale treffen.

Viele Familien hängen einer Vorstellung von Familie nach, die auf Dauer nur unglücklich machen kann, da sie mit den Veränderungen und Herausforderungen, mit denen Familien umgehen müssen, nicht zusammenpassen.

Wenn es um Ideale von Familien geht, zeigen sich oft „veraltete“, nicht oder wenig passende Vorstellungen, die, wenn wir sie nicht hinterfragen, uns das Leben schwer machen können. Männer die, ohne dass sie es bewusst für sich entschieden hätten, insgeheim die finanzielle Verantwortung für die Familie bei sich sehen. Frauen, die so geprägt wurden, dass sie davon ausgehen, dass nur sie allein die emotionale und körperliche Versorgung ihrer Kinder leisten können. Viel zu viele Männer nehmen Ihre Emotionen entweder gar nicht wahr oder verbergen diese vor ihrem Umfeld. Frauen fühlen sich in ihrem Vorhaben, allen Aufgaben und Rollen gerecht zu werden, mehr als ungenügend. Gleichgeschlechtliche Paare geraten viel zu oft in Erklärungsnot in Bezug auf das, was Kinder angeblich brauchen. Multikulturelle Familien müssen sich klar werden darüber, welche Religion gelebt wird. Oder geht evtl. auch Multireligiös? Welche Sprache soll gesprochen werden? Welche Familienfeste sollen gefeiert werden und auf welche Weise? Und wenn dann Entscheidungen getroffen wurden, „müssen“ diese auch noch für das Umfeld nachvollziehbar sein.

Sie bemerken, dieses Thema ist vielschichtig.

Die Familie verändert sich und je mehr wir dies akzeptieren, umso freier kann Familie gestaltet werden. Paare trennen sich, finden neue Partner*innen und erweitern so die Familie. Schweitzer nannte dafür den Begriff der Fortsetzungsfamilie. All das sind normale Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft.

Kleine Aufgabe:

Bevor ich Ihnen einige unglücklich machende Familienideale genauer vorstelle, überlegen Sie doch einmal, evtl. zusammen mit Ihrer Partner*in:

Welche Vorstellung hatten Sie, bevor Sie Kinder hatten, wie Sie als Mutter/Vater sein würden?

Wenn Sie in einem Satz ihre Idealvorstellung von Familie formulieren würden, wie sähe dieser Satz aus?

Wenn Sie nun alte Vorstellungen entdecken, nehmen Sie es mit Humor! Wir können unser Denken und Handeln bis ins hohe Alter verändern, es ist also nie zu spät, Veränderung zu wagen. (Diese Eigenschaft unseres Gehirns, nennt man übrigens Neuroplastizität, aber dazu an anderer Stelle mehr😊)

Familien-Ideal 1: Familie

Kinder brauchen eine Familie

Auch wenn die Scheidungsrate insgesamt in den letzten 10 Jahren zurückgegangen ist, haben sich 2023 die Eltern von knapp 110 000 Kindern scheiden lassen. In dem Begriff „Scheidungskind“ schwingt das Unglück der Kinder mit, die ihrer Kindheit in einer „heilen“ Familie beraubt wurden. Kinder erleben die Scheidung ihrer Eltern natürlich als schmerzhaft, manchmal sogar als existenzbedrohlich. Da kommt Trauer und Wut hoch und gar nicht so selten fühlen sich Kinder verantwortlich für die Trennung. „Wenn ich besser in der Schule gewesen wäre, dann……“ , „Ich bin ja auch wirklich oft frech gewesen…“, „Ich hätte Mama/Papa mehr helfen sollen….“

Das Leben der Kinder verändert sich grundlegend und das erfordert von den Eltern Zeit, Geduld, Erklärung und Nähe bis wieder Zutrauen da ist und die Kinder sich in Sicherheit fühlen. Eine Trennung ist immer für alle Beteiligten eine große Herausforderung.

Ein, wie ich finde, unpassender Begriff der im Zusammenhang mit Scheidung auch immer wieder genannt wird, ist der der „Scheidungswaisen“. Wenn sich nicht gerade ein Elternteil total entzieht, bekommen Kinder oft eher noch eine oder zwei Familien dazu. Das kann, durch unterschiedliche Lebens- und Erziehungsvorstellungen, viele Konflikte aufwerfen und die Trauer über das nicht gelebte Familienideal verstärken. Wenn es den Eltern aber gelingt die Beziehungsverletzungen und Anklagen hinter sich zu lassen und konstruktiv an der Gestaltung der neuen Familie zu arbeiten, können die Varianten der Patchwork-Familie sinnvoll genutzt werden. Eltern, die von den Kindern auch über die Trennung hinaus als Einheit erlebt werden, die gemeinsam gute Lösungen erfinden, die sich um gegenseitige Wertschätzung und Freundlichkeit bemühen, machen es den Kindern leichter sich in den neuen Lebensumständen zurechtzufinden.

Die Neu-Gestaltung der Familie ist oft nicht so leicht, auch wenn beide Eltern natürlich nur das Beste für Ihre Kinder wollen, ist es aber ein, auf vielen Ebenen schwerer Weg dahin.

Eltern kontaktieren mich daher oft schon bevor sie den Kindern von der anstehenden Trennung erzählt haben. Andere melden sich, wenn die Emotionen hochkochen und eine Einigung so weit weg erscheint. Wo auch immer Sie sich im Trennungsprozess befinden, melden Sie sich gerne, wenn Sie Unterstützung benötigen.

 

Kinder brauchen eine Familie

Familienideal 2: Heimat

Familien brauchen ein Heim

Wenn Sie an Heimat denken, wo verorten Sie diesen Ort? Und kann man Heimat und Heim synonym zu verwenden? Wenn ich an meine Heimat denke, denke ich an mein Elternhaus, mit dem riesigen Garten und den vielen Apfelbäumen, die im Sommer meine Schultasche gefüllt haben. Einen Ort den ich „mein Heim“ genannt habe, gab es aber mehrere. Jeder Ort an dem ich mit meinen Liebsten gewohnt habe, an dem ich mich wohl gefühlt habe, war/ist mein Heim.

Wie definieren Sie diese Begriffe? Vielleicht ist das eine Frage, die Sie mit Ihrer Familie erörtern wollen. Ist bestimmt interessant, was Ihre Kinder dazu zu sagen haben.

Die Idealvorstellung von einem Heim ist, ein Ort an dem Familie gelebt wird. Der Ort an dem man sich auskennt, wo die Muttersprache/Herkunftssprache gesprochen wird, der Wohlbefinden, Nähe und Geborgenheit ausstrahlt. Die Realität sieht aber oft anders aus. Unabhängig von Trennungsfamilien, durch die Kinder auf einmal mit zwei „Heimen/Zuhauses“ konfrontiert sind, gibt es viele andere Modelle, in denen das Heim nicht nur an einem Ort ist. Eltern, die für ihre Jobs in unterschiedlichen Städten arbeiten, manchmal sogar über die Ländergrenzen hinweg. Wo ein Elternteil 5 Tage die Woche am Arbeitsort lebt und am Wochenende wieder in die Familienwohnung zurückkehrt. Im Fall von Saisonarbeit sind die Zeiträume dann noch länger.

Noch schwerer ist es für  Familien  die ihre Heimat verlassen mussten und für die es so schwer ist, mit Heim-Weh und mit oft schweren traumatischen Erlebnissen im Gepäck, sich neu zu orientieren und in einem fremden Land heimisch zu werden.

Wo ist denn dann nun der Ort, den man Heim oder Zuhause nennt?

Ein Gegenmodell zum Heim beschreiben Eltern, die sich nach der Trennung für das Nestmodell entscheiden. Zusätzlich zur Familienwohnung wohnt dann ein Elternteil immer „woanders“. Zu Beginn, bis seine endgültige Entscheidung getroffen wurde, ist dieser Ort entweder bei wechselnden Freunden, Airbnb, Hostel oder auch bei den eigenen Eltern.  Das führt dazu, dass sich eine gewisse Heimatlosigkeit einstellt. Es fehlt der Ort an dem die eigenen Wohlfühl-Dinge sind, an dem die Einrichtung den eigenen Vorstellungen entspricht und es fehlt der Rückzugsort.

Dieses Beispiel verdeutlicht worauf es ankommt, um von einem Heim zu sprechen. Wenn die Situation mehrere Lebensorte in der Familie zu haben, von dem Gefühl der Zerrissenheit und Ruhelosigkeit geprägt ist, dann kann sich kein heimeliges Gefühl einstellen.  Wenn aber die unterschiedlichen Orte als Bereicherung gesehen werden, wenn Mühe darauf verwendet wird sich an beiden Orten wohlfühlen zu dürfen, dann können mehrere Heimstätten für die Familie schön sein.

 

Familien brauchen Wohlfühlorte

Familienideal 3: Zeit

Familien brauchen Zeit miteinander

Gegen dieses Familienideal lässt sich zunächst nichts sagen. Ja, Familien brauchen, wie alle Beziehungen Zeit miteinander. Zeit für schöne Momente genauso wie Zeit für all die Alltagsgeschehnisse und die täglichen Sorgen. Dieses Ideal aber als Vorrausetzung für eine funktionierende, glückliche Familie zu nehmen, schafft Schuldgefühle und schürt Ängste.

In einer Gesellschaft in der beide Elternteile arbeiten, um den Lebensunterhalt einer Familie stemmen zu können. Eine Zeit, in der berufliche Qualifikation und Familie nicht mehr als „entweder oder“, sondern als „sowohl als auch“ gedacht wird, ist die Zeit für die Familie begrenzt. Erwerbstätigkeit ist geprägt durch die Forderung einer flexiblen Verfügbarkeit, 12-14-Std Schichten sind keine Ausnahme und das 3-Schichten-System hat Familien immer schon herausgefordert. Hier geht es dann nicht nur darum als Familie Zeit zu verbringen, sondern die Familie im Takt zu halten. Wer ist wann da, um mit den Kindern Hausaufgaben zu machen, zum Sport zu bringen, Essen zu kochen, Tränen zu trocknen und zu kuscheln? Ach ja, und dann ist da doch noch die Liebesbeziehung die gepflegt werden soll.

Das erfordert viel Organisationsgeschick, Kraft und eine gehörige Portion Gelassenheit, um sich von den alltäglichen Unvorhersehbarkeiten, nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen.

Wie sind diese Herausforderungen nur zu schaffen? Als Familientherapeutin versuche ich mit den Familien einen Perspektivwechsel vorzunehmen. In all dem Gewusel des Alltags sieht es zunächst so aus, als wenn nichts verändert werden kann, als wenn nicht mehr Zeit für die Familie locker gemacht werden könnte. Diese Sichtweise frustriert und macht mürbe. Ein gemeinsamer Blick von oben, schafft da manchmal Abhilfe und es werden Zeitfenster und Veränderungspotentiale sichtbar, die man in der Situation nicht sehen konnte. Aus „Augen zu und durch“ wird „Kopf hoch, Brust raus und durchatmen“.

Fragen die da helfen sind:

Welche Routinen hat die Familie? Sind diese für alle befriedigend und gibt es Veränderungsideen? Gibt es Alltagsrituale, wie gemeinsame Mahlzeiten, Gespräche auf der Bettkante, zusammen einkaufen, morgens in Ruhe in den Tag starten? Wie sieht das Familien-Netzwerk aus? Wer könnte unterstützen?

Vermeintliche kleine äußere Veränderungen, verändern das Mindset erheblich. Das Gefühl die Situation gestalten zu können, handlungsfähiger und selbstbestimmter handeln zu können, schafft Zufriedenheit und eröffnet neue Perspektiven. Und setzt den so oft empfundenen hilflosen, fremdbestimmten Zeiten etwas entgegen. Das setzt die guten Hormone, wie Serotonin und Dopamin frei.  Und das alles, weil man es geschafft hat zu organisieren, dass eine andere Familie das Kind mit zum Sport nimmt und man sich den Wocheneinkauf liefern lässt. Oder weil man es einplant, sich als Paar regelmäßig bewusst in den Arm zu nehmen und einen richtigen Kuss (und kein Küsschen) zu genießen. Oder ein paar aufmerksame Minuten mehr am Tag, mit den Kindern zu gestalten.

Wenn es gelingt im Alltag immer mal wieder von Glückshormonen (dazu an anderer Stelle mehr) geflutet zu werden, sind schwere Tage besser zu tragen.
Probieren Sie es aus. Oder vereinbaren Sie einen Termin und wir überlegen gemeinsam.

Familien brauchen gemeinsame Glücksmomente

Sie wünschen sich einen Gesprächspartner, mit dem Sie allein oder auch gemeinsam als Paar über diese Fragen & Themen ins Gespräch kommen können? Ich begleite Sie gern! Nehmen Sie online Kontakt zu mir auf und vereinbaren Sie einen ersten Gesprächstermin.